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Anleger

Wachstumsstorys für den Stiftungshaushalt

Technologie-Start-ups brauchen Wagniskapital. Ein Deep Tech Dive mit der Joachim-Herz-Stiftung und dem VC-Fonds Marvelous.

Die Weltlage hält nicht nur Investoren auf Trab. Die EU-Kommission schnürte Anfang Juni ein „Tech Sovereignty Package“, um Technologieabhängigkeiten gegenüber China und den USA entgegenzuwirken. Teil des Pakets ist beispielsweise der Chips Act 2.0, der insbesondere bei den für KI-Anwendungen benötigten Chips den Schwerpunkt von der Forschung auf die Kommerzialisierung verlagern soll. Dass eine Aufholjagd Europas nötig ist, liegt nicht zuletzt am finanziellen Ökosystem. Im Reich der Mitte soll Chinas KI-Stolz Deepseek laut Reuters eine Finanzierungsrunde in Höhe von bis zu sieben Milliarden Dollar planen, die Deepseek mit 52 bis 59 Milliarden Dollar bewerten würde. In den USA investieren die größten Investoren selbstverständlich in Venture Capital – und manche von ihnen werden nun mit der Billionen-Bewertung von Space X belohnt.

Und in Deutschland? Hierzulande wird nicht über zig Milliarden, geschweige denn Billionen gesprochen. Dafür konstatiert KfW Research unter den Venture-Capital-Investoren zumindest eine leichte Erholung nach dem Stimmungseinbruch Ende 2025. Der Stimmungsindikator habe im ersten Quartal 2026 leicht um 6,2 Zähler auf minus 25,9 Punkte zugelegt. Europas Branchenverband ermittelte für 2025, dass in Deutschland 0,043 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts in Venture-Capital-Investments gehen. Für Europa beträgt der Wert 0,077 Prozent, für Großbritannien immerhin 0,165 Prozent.

Deutschland ist Weltspitze – aber nicht beim Gründen

Zur Finanzierung von Innovationen wären mehr finanzielle Mittel hilfreich. Einen Finanzierungsengpass ermittelte Ende 2025 auch ein Whitepaper von Unternehmertum (Eigenschreibweise: UnternehmerTUM) in München und der Joachim-Herz-Stiftung in Hamburg. Laut dieser droht Deutschlands Growth-Finanzierung bis 2030 eine Zehn-Milliarden-Euro-Lücke. Wie die Experten zudem vermerken, zähle Deutschland in der Grundlagen- und Anwendungsforschung zur Weltspitze, es hake jedoch beim Skalieren von Innovationen. Besonders ausgeprägt sei die Finanzierungslücke in der Wachstumsphase von Deep-Tech-Start-ups. Dabei verlangen deren Geschäftsmodelle hohe Investitionen in Forschung, Entwicklung, Prototypenbau und Produktionsinfrastruktur. Die Kommerzialisierung und internationale Skalierung gelingen auch darum häufig nur bedingt.

Neben dieser Finanzierungslücke weist die Studie noch auf einen großen regionalen Kontrast hin: Nicht nur, dass das deutsche Wagniskapitalvolumen von 24,7 Milliarden Dollar in 2021 auf 9,8 Milliarden Dollar in 2023 sank – zu denken gibt insbesondere, dass dagegen das Venture-Capital-Volumen in den USA in 2021 bei fast 420 Milliarden Dollar lag. Eine Folge ist, dass rund zwei Drittel des in deutsche Start-ups investierten Kapitals bereits aus dem Ausland stammen. Das erhöht die Abhängigkeit von externen Kapitalquellen und birgt Risiken für technologische Souveränität – gerade auf strategisch wichtigen Deep-Tech-Feldern. „Wir haben in Deutschland exzellente Deep-Tech-Startups mit vielversprechenden Lösungen. Was diesen Unternehmen jedoch fehlt, ist Wachstumskapital, um ihre Ideen groß zu machen. Die Politik muss jetzt Rahmenbedingungen und Anreize für mehr Wachstumskapital schaffen, die Wirtschaft zukunftsorientiert investieren und institutionelle Investoren mehr Kapital bereitstellen“, äußert sich Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst, Vorstandsvorsitzende der Joachim-Herz-Stiftung, in dem Paper.

Joachim-Herz-Stiftung geht voran

Ihr Aufruf wurde erhört: In der Politik – die EU-Kommission hat das oben erwähnte Tech Sovereignty Package geschnürt – und intern: Seit diesem Jahr geht die Joachim-Herz-Stiftung unter Federführung ihres für die Finanzen zuständigen Vorstandskollegen Ulrich Müller selbst mit gutem Bespiel voran und investiert einen Teil ihres Stiftungskapitals – der Grundstock des Vermögens beträgt 1,3 Milliarden Euro – auch unter missions- und wirkungsorientierten Aspekten mittels eines Venture-Capital-Fonds in frühphasige Deep-Tech-Start-ups.

Gemeinhin gilt Venture Capital als Domäne von Family Offices und für die Beteiligungs-Arme von großen Corporates, denen es primär darum geht, sich strategisch technologisches Know-how zu sichern. Für die meisten Stiftungen dürfte Venture Capital dagegen nicht in Frage kommen, weil man größere Wertschwankungen meiden und regelmäßig ordentliche Erträge für den Stiftungszweck erzielen will. Für beide Ziele geben Anleihen auch wieder viel Potenzial.

Finanzvorstand Ulrich Müller stimmt zu, dass auf den Private Markets die Performance überwiegend aus Umschichtungsgewinnen stammt. Fixed Income komme für die Stiftung jedoch nicht in Frage: „Entsprechend dem Willen unseres Stifters Joachim Herz und der Stiftungssatzung ist das Stiftungskapital überwiegend unternehmerisch investiert und gebunden. Zinsträger finden sich nur in unserer kleinen Private-Debt-Allokation und in der Form, dass wir hin und wieder mezzanine Immobilienfinanzierungen machen“, erklärt Ulrich Müller. Für die Erfüllung des Stiftungszwecks ist dies kein großes Problem, da andere Asset-Klassen für ordentliche Erträge sorgen: Der Großteil des Stiftungskapitals ist mittelbar in die Aktien der Beiersdorf AG angelegt, es gibt zwei Aktienmandate und zudem ein großes Immobilienportfolio in den USA, dessen Mieterträge dem Stiftungszweck dienen.

Trotzdem: „Inklusive nicht abgerufener Commitments haben wir seit etwa 2020 einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag auf den Private Markets investiert. Auf diese Gelder überhaupt keine Erträge zu erzielen, können wir uns nicht leisten“, sagt Müller. Darum hält die Stiftung die Mandate in Kapitalgesellschaften.  Deren Ausschüttungen können für den Stiftungszweck genutzt werden. Wesentliche Vorbedingung: „Zuvor muss aber noch die J-Curve durchlaufen sein.“ Diese sei konservativ geplant worden und müsse man aushalten können, so Müller.

Begonnen hat die Reise auf den Private Markets noch zu Pandemie-Zeiten „klassisch mit Buyouts, schwerpunktmäßig in Europa über eine Secondary-Strategie“, so Müller. Zwei Jahre später allokierte die Stiftung eine Mid-Market-Strategie mit einem regionalen Schwerpunkt auf die USA, wofür man den Weg über Co-Investments ging. Hinzu kamen noch Beimischungen in Form von einigen Private-Debt- und Infrastrukturfonds. „Die bisherigen Ergebnisse sind im Rahmen unserer Erwartungen – auch wenn die Abrufe etwas schneller hätten kommen können“, so die Erfahrungen laut Ulrich Müller. Auf jeden Fall waren die Erfahrungen gut genug, um Anfang des Jahres mit Venture Capital den nächsten Schritt in der Beteiligungswelt zu gehen. Eine Inspiration für die Ausrichtung auf Deep Tech und Start-ups war neben der Studie mit Unternehmertum natürlich nicht zuletzt der Stiftungszweck, der auf die Förderung von Wissenschaft, Unternehmertum und beruflicher Bildung abzielt. Insofern handelt es sich für die Stiftung auch um ein missionsorientiertes Investing. „Auch aus steuerlichen Gründen müssen wir aber zwischen Förderung und Investments sauber trennen“, erläutert Müller.

Deep Tech Dive

Die Wahl des Investmentpartners für Wagniskapital fiel im Rahmen eines Beauty Contests auf Marvelous. „Wir denken, dass Marvelous von der Herangehensweise, von der Größe und der Ausrichtung auf Deep Tech in Deutschland und Europa zu uns passt“, erklärt CFO Müller. Was auch ein Kriterium für die Selektion durch die Joachim-Herz-Stiftung war, ist, dass der Investmentpartner neben dem Fund mit dem sogenannten Marvelous Catalyst die Brücke baut zwischen Investments und Skalierung. Dies impliziert, dass man Start-ups mit wissenschaftlichen Einrichtungen und der Industrie vernetzt – für die Marktvalidierung, den Aufbau erster Kundenbeziehungen und frühe Skalierungsschritte. „Diese operative Begleitung ist ein zentrales Differenzierungsmerkmal gegenüber klassischen Venture-Capital-Ansätzen“, teilte die Stiftung mit.

Und warum passen Deep Tech Investments gut zu Deutschland und Europa? „Europa ist großartig darin, mit Geld Wissenschaft zu machen. Was wir wollen, ist, Geld mit Wissenschaft zu machen“, erläutert General Partner Chris Heyer den Ansatz von Marvelous. „Es gibt in Deutschland und Europa einige der besten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, Forschungseinrichtungen und wissenschaftliche Durchbrüche. Es hapert aber darin, diese in die Wirtschaft zu bringen und dann zu skalieren.“ Diese Erkenntnisse sind einer Stiftung, die junge Wissenschaftler und deren Forschungen fördert, nicht fremd. Die Stiftung will – dem Stifterwillen entsprechend – Unternehmertum unterstützen und dass die Forschung und Entwicklung auch in die Anwendung kommt. Müller: „Wir vermitteln den Wissenschaftlern auch Entrepreneurship Education. Einer unserer Slogans lautet: ‚Genug geforscht, jetzt wird gegründet‘.“

Wer wagt, gewinnt

Was hierzulande vor allem fehle, um aus Scientific Breakthroughs, Research Papers und Patenten in der nächsten Phase Unternehmen zu schaffen: (Wagnis-)Kapital! Darum will Marvelous frühphasig in Start-ups mit wissenschaftlichen Durchbrüchen in den Bereichen Advanced Materials, Waste Valorization und Robotics investieren. Wissenschaft, so heißt es auf der Homepage des Berliner VC-Gebers, sei die wichtigste Infrastruktur des nächsten Jahrhunderts. Gefragt, warum man sich mit Hardware beschäftigt, wenn sich heutzutage gefühlt alles um KI dreht, antwortet General Partner Chris Heyer: „Wir investieren nicht direkt in beispielsweise Large Language Models und deren Codierung. Für uns ist KI in die dahinterliegenden Infrastrukturen inkludiert und somit Teil von DeepTech.“

Allerdings stellt sich die Frage, warum die zweifellos vorhandene hiesige Finanzierungslücke nicht schon früher von Venture-Capital-Fonds geschlossen wurde. Bekannte Venture-Capital-Anbieter wie Earlybird, Wellington Partners oder die damalige VCM gab es in München schon vor der Jahrtausendwende. Heyer diagnostiziert einen Mangel an in Deep Tech investierende Frühphasenspezialisten. Damit einher gehe fehlende Expertise zur Bewertung dieser Technologien. Die Gegenwart mache jedoch Hoffnung. Heyer verweist unter anderem auf Hochschulinitiativen, von der Politik unterstützte „Start-up Factories“ und mehr potentielle Industriepartner sowie offene Familienunternehmen. „Ein wichtiger Treiber ist auch Europas Ziel der technologischen Souveränität und Resilienz.“

Hybrider VC-Dachfonds

Für die Hamburger Stiftung investieren die Berliner Wagniskapitalisten über Venture-Capital-Zielfonds aber auch direkt via Co-Investments in ausgewählte Start-ups. Dem hybriden Dachfonds namens Scito hat die Stiftung als alleiniger Investor 20 Millionen Euro zugesagt. Ziel ist die DACH-Region, und hier insbesondere Deutschland, aber auch Europa. Sektoral sieht Marvelous in der frühesten Phase die größten Opportunitäten in Food, Agritech, den ressourcenintensiven Industrien sowie Construction & Building. Das britische Portfoliounternehmen Nanoplume entwickelt beispielsweise laut Eigenauskunft nanoporöses Biomaterial, das hochisolierend, ultraleicht, ultradünn sowie zu 100 Prozent biologisch abbaubar und ungiftig sei – und dabei erschwinglich bleibe. Das Berliner Unternehmen Absora wiederum widmet sich leichtem Meta-Material, das Schall und Vibrationen absorbieren, Strömungen glätten sowie herkömmliche Dämmstoffe entweder vollständig ersetzen oder deren Wirkung in Kombination effizient ergänzen soll. Regional zu streuen, macht bei Deep Tech Sinn, da sich lokal unterschiedliche technologische Schwerpunkte gebildet haben. Dies gelte sogar innerhalb von Deutschland. Heyer: „In München liegt ein Fokus auf Space-Tech, Hamburg hat einen Schwerpunkt für Advanced Materials oder Quantencomputing und so haben andere europäische Städte andere Schwerpunkte.“

Die Herausforderung bei Venture Capital ist (unabhängig von der Investitionsphase), Fonds und Directs aus dem Top Quartile zu selektieren. Schließlich ist das Delta zwischen den Besten und dem Rest in dieser Asset-Klasse besonders groß. Chris Heyer will dieser Challenge „mit dem Hunger eines First Time Funds und mit der langjährigen Erfahrung der Teammitglieder“ begegnen. „Wir als Team sind seit vielen Jahren im VC-Ökosystem zu Hause und haben über 150 Investments gemacht. Ich selbst habe unter anderem Corporate-VC-Fonds für das damalige M-Dax-Unternehmen Hypoport aufgelegt. Wir bekommen Zugang zu den besten Fonds und Deals.“

Die Herausforderung für einen Stiftungsverantwortlichen wiederum ist, dass in Venture Capital zwar grundsätzlich sagenhafte Multiples möglich sind, der IRR aufgrund der langen Laufzeit aber auch relativ niedrig ausfallen kann. „Wir glauben, dass wir mit den richtigen Managern und Ansätzen Überrenditen zum Aktienmarkt erzielen können – aber das braucht Zeit. Unsere Erwartung ist nicht, dass wir mit Venture Capital in den ersten sechs bis acht Jahren Erträge für unseren Stiftungshaushalt erzielen können. Wir gehen davon aus, dass in den Private Markets Venture Capital die längste J-Curve hat. Das haben wir entsprechend budgetiert“, sagt Vorstand Ulrich Müller. „Diese sehr langfristige Perspektive passt aber gut zu einer Stiftung.“ Die nötigen finanziellen Vorträge, um die J-Curve-Phase durchlaufen zu können, habe die Stiftung in den Jahren seit ihrer Gründung im Jahr 2008 erwirtschaften können. Müller ergänzt, dass die Diversifikation und die Managerselektion auch auf den anderen Private Markets entscheidend für das Risikomanagement und den Erfolg sind. „In die Auswahl der Investmentpartner haben mein Team und ich viel Zeit investiert.“

Chris Heyer gibt bezüglich langfristiger Kapitalbindung zu bedenken, dass bei Deep Tech – anders als bei Software – die R&D-Phase in der Universität stattfindet und erst dann (Pre-)Seed Money fließt. Die Haltedauern seien bei Deep Tech nicht grundsätzlich länger. Zudem sei vorteilhaft, dass Deep Tech im Vergleich zu Software schlechter zu „verteidigen“ ist. „Es ist viel schwieriger, wissenschaftliche Durchbrüche zu kopieren als eine E-Commerce-Plattform“, so Heyer, der an dieser Stelle auf Space X und Tesla verweist. „Venture Capital hat im Silicon Valley einst mit Hardware-Finanzierungen angefangen.“

Vom Start-up zum Scale-up

Eine Besonderheit von Venture Capital ist, dass die Finanzspritze in der Regel nicht nur einmal angesetzt wird. Schließlich braucht ein Start-up auch ein „Scale-up“, um für den nächsten Käufer attraktiv zu werden. Marvelous will im ersten Schritt in die oben beschriebene Lücke in der Frühphase gehen beziehungsweise im Fachjargon von Pre-Seed über Seed bis maximal Series A. Ein weiterer Schritt ist aber nötig, um die Start-ups entlang ihres Lebenszyklus zu unterstützen – mit Kapital und dem Marvelous Catalyst zur Skalierung.

Entgegenkommen soll Marvelous dann in der Folge, dass die zahlreichen mittelständischen Industrieunternehmen anders als Dax-Unternehmen keine Corporate-Venture-Capital-Abteilung haben. Zu früh sollte dieser Schritt aber nicht gegangen werden. „Es macht strategisch keinen Sinn, schon in der Pre-Seed- oder Seed-Phase einen strategischen Investor an Bord zu holen. Das würde den Startups die Tür zu anderen kommerziellen Partnerschaften oder zu möglichen Exit-Kanälen verschließen“, gibt Heyer einen Einblick ins Scale-up-Playbook. Selbst in der Wachstumsphase noch in der Finanzierung mitzugehen ist nicht geplant. „Einmal würden wir uns die Multiples zerschießen in dem Fund, zum anderen ist – auch wenn es ein Evergreen ist – unser Kapital begrenzt“, so Heyer.

Dann soll die Skalierung helfen, dass die bei Start-ups mögliche Bewertungsrakete zündet. Apropos: Den IPO von Space X sieht Heyer sehr positiv: „Das spült hoffentlich viel Geld in den Beteiligungsmarkt zurück und motiviert zu weiteren Investments.“ Ebenfalls positiv ist für Heyer, dass die Erwartungshaltung der Stiftung trotz des Billionen-IPOs realistisch bleibt. Müller: „Die Multiples von Space X setzen wir nicht als Benchmark für Marvelous an. Aber über eine Sonderausschüttung eines Tages für unseren Stiftungshaushalt würden wir uns natürlich sehr freuen.“