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Anleger

Das Für und Wider einer Familienverfassung

Sogenannte Familienverfassungen sind für viele Unternehmer fester Bestandteil einer guten Family Business Governance. Worauf es dabei ankommt.

Merckle, eines der größten inhabergeführten Familienunternehmen Deutschlands, setzt auf sie. Und auch andere bekannte Familienunternehmen wie zum Beispiel Heraeus, Messer oder Goldbeck haben eine sogenannte Familienverfassung erarbeitet. Mit dem Dokument regeln sie die Verhältnisse zwischen Eigentümerfamilie und operativem Geschäft, den Umgang untereinander und die Vorstellungen der Familie zur strategischen Ausrichtung sowie zur Governance ihres Unternehmens.

Familienverfassungen sind für viele Unternehmerfamilien fester Bestandteil einer guten Family Business Governance: Inzwischen verfügen 36 Prozent darüber. Zum Vergleich: Im Jahr 2011 waren es nur Prozent.

Weitere 23 Prozent planen die Erarbeitung, wie die Studie „In bester Verfassung – die Familienverfassung im Familienunternehmen“ zeigt. Darin geben 175 deutsche Familienunternehmen Auskunft, darunter 36 Prozent mit einer Familienverfassung, wie sie zu diesem Governance-Instrument stehen.

Herausgegeben wurde die Studie von der Intes Akademie für Familienunternehmen gemeinsam mit der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PWC Deutschland und der Intes Stiftungsprofessur für Unternehmerfamilien und Familienunternehmen an der Digital Business University of Applied Sciences (DBU) in Berlin.

Eine Familienverfassung kann den Zusammenhalt stärken

Unternehmerfamilien mit einer solchen Verfassung berichten nach Angaben der Studienmacher von einem stärkeren Familienzusammenhalt (72 Prozent), einer besseren Führungs- und Kontrollstruktur (66 Prozent) und Frieden und Stabilität im Gesellschafterkreis (61 Prozent).

„Familienverfassungen sind für viele Unternehmerfamilien fester Bestandteil einer guten Family Business Governance“, sagt Britta Wormuth, Geschäftsführerin vom Beratungshaus Intes (Eigenschreibweise: INTES). Zwar habe eine Familienverfassung keine rechtliche, aber eine starke moralische Verbindlichkeit. Und sie könne die Grundlage für die Ausgestaltung rechtsverbindlicher Regelungen sein, heißt es.

Kommt es zu einer akuten Krise, ist eine Familienverfassung nicht geeignet, diese zu lösen. Vielmehr verfolgen Unternehmerfamilien mit einer Familienverfassung das Ziel, ihre Inhaberschaft zu professionalisieren, wie 70 Prozent der Umfrageteilnehmer bestätigen.

Ebenso möchten sie damit Konflikten vorbeugen (57 Prozent) und den Generationswechsel vorbereiten (51 Prozent). Der Impuls zur Erarbeitung komme dabei fast immer aus dem Gesellschafter-Kreis.

Mancher sieht in der Familienverfassung keine Notwendigkeit

Eine knappe Mehrheit von 53 Prozent der Familienunternehmen ohne Verfassung sehen dafür keine Notwendigkeit. Britta Wormuth warnt, dass ein solches Denken ausgesprochen riskant sein könne, gerade dann, „wenn der Gesellschafterkreis wächst und die Verbundenheit mit dem Unternehmen schwindet“.

Als eine Hürde kann sich dabei erweisen, dass die Erarbeitung einer Familienverfassung auch unausgesprochene Erwartungen, Interessen und Spannungen der Beteiligten zutage fördert. Gerade deshalb sei es auch so wichtig, dass alle Beteiligten aktiv an dem Prozess mitarbeiten und ihre individuelle Familienverfassung erstellen.

„Das Geheimnis einer wirkmächtigen Familienverfassung liegt im Prozess ihrer Erarbeitung, nicht allein in dem Dokument. Erst im Prozess entsteht der gruppendynamische Impact“, erklärt Catharina Prym, Leiterin Family Governance Consulting bei PWC.

Familienverfassungen sind individuell – bestimmte Elemente enthalten sie alle

Bei aller Individualität einer Familienverfassung sind bestimmte Elemente in der Regel immer enthalten. Dazu zählen Werte und Ziele für die Familie (97 Prozent) oder die Zugehörigkeit zum Gesellschafterkreis (94 Prozent).

Zwar verfügen auch Familienunternehmen ohne Verfassung über Regelwerke – diese konzentrierten sich aber auf rechtliche und finanzielle Fragen, etwa die Rechte und Pflichten der Gesellschafter. „Diese formalen Aspekte allein entfalten jedoch nicht die Bindungskraft, das gemeinsame Abwägen und Ringen um die beste Lösung tut das“, schildert Governance-Expertin Prym.

Familienunterlagen können Regelungslücken enthalten

Die Studie hat außerdem gezeigt, dass Familienverfassungen und andere familiäre Unterlagen Regelungslücken enthalten können. Anpassungsbedarf und Regelungslücken bei ihren Dokumenten sehen Familienunternehmen ohne Verfassung insbesondere in der Frage der Nachfolge im Krisenfall, wie 53 Prozent bestätigen, und bei der Gesellschafterkompetenz (54 Prozent). Einige Regelungslücken würden sich allerdings auch in Unternehmen mit einer Familienverfassung zeigen, warnen die Studienautoren, wenn auch in geringerem Umfang.

Das betrifft insbesondere die Verteilung des Unternehmensgewinns, in der 30 Prozent Änderungsbedarf sehen, und das Ausscheiden der Gesellschafter (26 Prozent). „In diesen Punkten müssen Familienunternehmen mit Verfassung auch nachjustieren“, fordert Prof. Dr. Alexander Koeberle-Schmid, Intes Stiftungsprofessor für Unternehmerfamilien und Familienunternehmen an der DBU. „Gerade wenn Dividenden ausbleiben und Gesellschafter aus dem Unternehmen ausscheiden wollen, zeigt sich, ob die Familienverfassung wirklich tragfähig ist“, so der Stiftungsprofessor.

Übrigens wollen 45 Prozent der Familienunternehmen, die bislang noch über keine Familienverfassung verfügen, dieses Governance-Instrument in den kommenden fünf Jahren erstellen. Weitere 20 Prozent planen, diese zu einem späteren Zeitpunkt zu erarbeiten.