Skip to content
Anleger

„Sie sind ihrer Zeit definitiv weit voraus“

Jean-Baptiste Wautier ist Gründer eines Family Office. Hier erklärt er, was Family Offices in den USA von europäischen Playern abhebt.

„Der Reifegrad von Family Offices in Europa bleibt weit hinter dem in den USA zurück.“ Diese Einschätzung vertritt Jean-Baptiste Wautier, Mitbegründer des im Jahr 2024 errichteten Single Family Office Wautier in London, in einem Interview mit der News-Plattform Crain Currency. Darin spricht der 56-Jährige über die Unterschiede, die er zwischen europäischen und amerikanischen Family Offices beobachtet und ordnet das Thema ein.

In Europa sei „dies ein relativ neues Phänomen, und man versucht noch immer, die verschiedenen Ausprägungen von Family Offices zu verstehen: wie man sie personell besetzt und organisiert und welche Aufgaben sie für die betreute Familie übernehmen sollen. Ich würde sagen, es ist weitaus weniger institutionalisiert“, erklärt Jean-Baptiste Wautier, der seine Karriere beim ehemaligen Beratungshaus Arthur Andersen begann, bevor er zu Morgan Stanley wechselte.

Im Jahr 2000 trat er in die Private-Equity-Gesellschaft IK Partners ein. 2004 wechselte er zu BC Partners, wo er zwischen 2013 und 2023 als Vorsitzender des Investitionsausschusses sowie als Chief Investment Officer für das Vereinigte Königreich tätig gewesen ist. Das Private-Equity-Geschäft fasziniert ihn bis heute. Im Rahmen seines Family Office betreut er fünf Portfoliounternehmen. Außerdem gehört er unter anderem dem Verwaltungsrat der Investmentgesellschaft Pershing Square Holdings an.

Es mangelt an Raffinesse und Struktur

Den Blick auf Europa gerichtet, erkennt Wautier an, dass es zwar einige traditionsreiche Familien – wie etwa die Agnellis, die Arnaults oder die Bettencourts – gebe, „die in den vergangenen 50, 60 oder 70 Jahren ein beträchtliches Vermögen aufgebaut haben; sie sind ihrer Zeit weit voraus und dürften durchaus mit US-amerikanischen Verhältnissen gleichziehen. Neuere ausländische Family Offices weisen hingegen bei Weitem nicht den Grad an Raffinesse und Struktur auf, wie man ihn in den USA vorfindet“, fährt der Finanzmagnat fort.

Das von ihm geführte Family Office ist übrigens der Überzeugung, dass gut geführte, inhabergeführte Unternehmen einen nachhaltigeren Wert schaffen, als es die Märkte üblicherweise einpreisen. „Wir halten die Unternehmensführung für den am meisten unterschätzten Faktor bei der langfristigen Anlageperformance und sind der Ansicht, dass Kapital ohne Ideen unfruchtbar ist“, heißt es auf der Homepage.

In dem Interview macht der Unternehmer und Philanthrop deutlich, dass sich die Probleme, mit denen die Family Offices konfrontiert sind, in drei Punkte unterteilen lassen. Erstens herrsche keine völlige Klarheit über das Mandat, das dem Family Office erteilt wird. „Welcher Zeithorizont ist der richtige? Welche Anlageklasse ist geeignet? Wie gehen wir mit dem Verhältnis von Liquidität zu Rendite um? Für diejenigen, die schließlich mit der Umsetzung der Strategie beauftragt sind, besteht hinsichtlich des Mandats ein zu hohes Maß an Ungewissheit“, urteilt Wautier.

Ein weiterer Punkt betrifft die Kompetenzen. Wautier sagt, Unternehmen tun sich etwas schwer damit, die benötigten Kompetenzen zu finden. „Sie wissen oft nicht genau, wo sie suchen sollen oder wie die Vergütung aussehen sollte.“ Ein letzter Punkt sei der geringere Reifegrad im Bereich Vermögenserhalt und Vermögensübergabe. „Es geht darum, wie die nächste Generation geschult und in das Tagesgeschäft eingebunden werden muss; denn bei Family Offices geht es nicht nur um Vermögensverwaltung, Vermögenserhalt und dergleichen, sondern auch um die Vermögensübergabe und deren konkrete Umsetzung“, sagt Family Officer Wautier. „Das ist nichts, was sich innerhalb von sechs Monaten entscheiden lässt.“ Vielmehr sei es ein Prozess, der Jahre in Anspruch nehme, bis das erforderliche Maß an Wissen, Verständnis und Einbindung der nächsten Generation erreicht sei.

Die USA haben Europa abgeschrieben

Danach gefragt, ob er glaubt, dass europäische Family Offices bestimmte Chancen und Herausforderungen auf sich zukommen sehen, die US-amerikanischen Family Offices möglicherweise entgehen, antwortet er ungeschönt: „Den USA könnten Investitionsmöglichkeiten in Europa entgehen, einfach weil sie den Kontinent zunehmend als abgeschrieben betrachten. Dieser Kontinent verliert an globalem Einfluss, wirtschaftlicher Bedeutung und so weiter.“ Europa habe an vielen Fronten tatsächlich das Nachsehen. „Doch es gibt dort nach wie vor herausragende Unternehmen, Unternehmer, Start-ups und Gründer. Wer sich in der Vielfalt an Regionen, Sprachen, Kulturen und so weiter zurechtzufinden weiß, kann dort tatsächlich großartige Erfolge erzielen.“

Als ein Beispiel hierfür führt Wautier Private Equity für kleine und mittelgroße Unternehmen an. Damit bezieht er sich auf „jene schnell wachsenden Firmen, die man nach wie vor in den verschiedenen europäischen Ländern findet. Sie werden auf dem Radar der USA nie auftauchen, da der Kontinent – ​​anders als noch vor 10 oder 15 Jahren – als völlig am Boden liegend wahrgenommen wird.“ Genau darin liege jedoch eine Chance, denn es gebe kaum Kapital, das um die wenigen wirklich guten Unternehmen und Investitionsmöglichkeiten konkurriere.

Breit gefächerter Talentpool

Auf die Frage, ob amerikanische Family Offices europäischen Family Offices in bestimmten Bereichen voraus seien, sagt der Interviewte: „Sie sind ihrer Zeit definitiv weit voraus, wenn es darum geht zu verstehen, wofür ein Family Office steht, welche Aufgaben es wahrnehmen sollte sowie wie es – abhängig von der Vermögenshöhe und den Zielsetzungen – strukturiert und personell besetzt sein muss.“ Der Talentpool sei breit gefächert und fundiert aufgestellt; es gebe zahlreiche kompetente Fachkräfte, die heute als CIOs oder in anderen Führungspositionen (C-Level) in Family Offices tätig seien.

Im weiteren Verlauf dreht sich das Gespräch um die Künstliche Intelligenz und die Chancen und Risiken, die damit für Investoren einhergehen können. Wautier sagt, US-amerikanischen Family Offices sei absolut klar, „welch transformatives Potenzial in der KI steckt; sie sind sehr aufgeschlossen und reaktionsschnell und lassen ihren Worten Taten folgen, wenn es um diese Revolution geht“. Europa hingegen hinke weit hinterher, da es sich kaum beteilige, die Entwicklung nur zögerlich annehme und in keiner Weise eine nennenswerte Rolle spiele, wie der Geschäftsmann zu bedenken gibt. „Ich pendle ständig zwischen den beiden Seiten des Atlantiks und bin immer wieder verblüfft, wie weit europäische Family Offices und Investoren im Vergleich zu ihren US-Pendants beim Thema KI zurückliegen.“

In dem Gespräch gibt Wautier zu bedenken, dass beide Seiten voneinander lernen könnten. „Die USA verfügen über die weltweit beste Unternehmenskultur – und das schon seit Jahrzehnten. Europa sollte versuchen, hier aufzuschließen.“ Man müsse das Rad nicht neu erfinden. „Ich denke, Europa sollte von den USA lernen, die dem Rest in den meisten Fällen – insbesondere im Finanzbereich – um 10, 15 oder 20 Jahre voraus sind.“

Sie möchten News aus dem Wealth Management und Storys über die Arbeit von Family Offices und Stiftungen lesen? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter. Wir informieren Sie außerdem über Personalnachrichten und Jobs. Und folgen Sie uns auch auf Linkedin