Dass Freud und Leid gern nah beieinander liegen, erfährt derzeit Urs Wietlisbach. Die Aktien seines größten Babys, die Beteiligungsgesellschaft Partners Group, haben über zwölf Monate mehr als ein Drittel an Wert verloren. Sein jüngstes Baby, der Impact Manager Blue Earth Capital, konnte dagegen Ende Juli das Second Closing der Impact Secondaries Strategy mit über 200 Millionen Dollar verkünden. Bei Blue Earth handelt es sich um einen von Partners-Group-Gründer Wietlisbach 2015 initiierten Impact-Spezialisten. Finanziell angeschoben wurde Blue Earth von der Ursimone Wietlisbach Foundation, einer Stiftung des Ehepaars Wietlisbach.
Zu den Geldgebern für die Impact-Secondaries-Strategie zählen neben den Wietlisbachs die Waltons, konkret Builders Vision, die Investment- und Philanthropie-Plattform von Lukas Walton, und I-Alumbria Capital, ein Teil des Family Office von Christy Walton. Beide zählen zum Walmart-Clan. Schon beim ersten Closing dabei war die Stella Vermögensverwaltung von Heinz Hermann Thiele. Die Idee, einen Zweitmarkt für wirkungsorientierte Investments über einen Fonds anzuschieben, basiert auf dem Innovationsgeist von Wietlisbach und seinen Mitstreitern und auf einem offenbar an Reife gewinnenden Impact-Investing-Markt. Laut der PWC Family Office Deals Study 2024 haben Family Offices in der vergangenen Dekade ihre Investments in Impacts stetig erhöht. Im Jahr 2022 lag global bei den Family Office Deals das Volumen der Impact Investments erstmals höher als das der traditionellen Investments. Im ersten Halbjahr 2024 kamen die Impact Deals auf einen Volumenanteil von 55 Prozent. Diese hohe Zahl mag auf einer nicht besonders strengen Definition von Impact Investing zurückzuführen sein. Klar ist aber: Der Trend geht nach oben.
Die Studienmacher von PWC sehen den Treiber dieser Entwicklung vor allem im „Next-Gen-Effect“. Bei den bevorzugten Impact-Themen machen Bildung und Renewables etwa die Hälfte der wirkungsorientierten Investments aus. Ebenfalls relevant sind Healthcare, nachhaltige Landwirtschaft und Microfinance. Dass „Affordable Housing“ in der Studie auf den geringsten Anteil bei den Impact-Themen kommt, zeigt, dass für wirkungsorientierte Investoren die Renditeperspektive ebenfalls eine Rolle spielt.
Die Billions-Vision von Builders Vision
Regional entfallen die Impact Investments der Family Offices laut der PwC-Studie zu 31 Prozent auf Europa. Den größten Anteil machen mit 53 Prozent die USA aus. Dort haben sich zwar die Kulturkämpfer der Maga-Bewegung auf nachhaltige Investments eingeschossen, nehmen jedoch eher die institutionellen Investoren ins Visier. In der vermögenden Wealth-Anlegerschaft sind Investments, die auch ökologische und soziale Bedürfnisse adressieren, nicht ungewöhnlich. Milliardär Lucas Walton gründete beispielsweise Builders Vision 2018 in Chicago, um financial Returns und sustainable Outcomes zu generieren. Tätig ist man auf den Feldern Food & Agriculture, Energie und Ozeane, die man mit über 15 Milliarden Dollar bewirtschaftet. Die Homepage von Builders Vision führt 82 Mitarbeiter auf.
Milliardenschwere Impact Investoren finden sich auch in Skandinavien. Zu diesen zählen gemäß der Plattform Altss.com die EQT Foundation der Wallenbergs, die H&M Foundation der Gründer des Bekleidungskonzerns oder die Ikea-Foundation der Kamprads. Ausweislich ihrer Homepages scheinen diese Stiftungen recht philanthropisch geprägt zu sein oder zumindest einen Impact-first-Ansatz zu fahren. Sie vergeben jedoch auch Mandate, wenn diese positiv auf den Stiftungszweck wirken. Bei der H&M Foundation heißt es zum Beispiel, dass man philanthropische Mittel nutze, „um wichtige Forschungsvorhaben und bahnbrechende Innovationen zu finanzieren, wirkungsvolle Partnerschaften aufzubauen und Geschichten zu erzählen, die zu Veränderungen inspirieren“. Diese will man nicht zuletzt in der Textilindustrie anschieben.
„Sinnhaftigkeit muss gegeben sein“
Aber auch hierzulande legen Impact Investments in Family Offices an Bedeutung zu. Ein Beispiel ist Solvia, das Family Office von Jägermeister, wo bereits die fünfte Generation am Ruder sitzt. Im Interview mit portfolio institutionell vor zwei Jahren sagte der damalige Solvia-Geschäftsführer Ralf Bauderer zum Engagement in Erneuerbare Energien: „Für die Familie ist es sehr wichtig, mit dem Geld nicht nur Rendite zu erwirtschaften, sondern auch einen positiven Beitrag für Umwelt und Gesellschaft zu leisten. Es muss eine Sinnhaftigkeit gegeben sein.“
Andere deutsche Unternehmer und Family Offices haben Impact Investments nicht nur im Portfolio, sondern gründeten sogar Impact-Plattformen. Ein Beispiel ist das Africa First Network von Martin Schoeller, ein anderes Beispiel Village Power People des Bremke Family Office. Positive Impacts für Afrika strebt auch die Gesellschaft Fair Equity an, hinter der verschiedene Unternehmer wie Karsten Wulf und dessen Family Office Zwei.7 stehen. Verschrieben hat sich Fair Equity „philanthropischem Venture Capital“. Dieses Wagniskapital fließt renditeorientiert in Start-ups und mittelständische Unternehmen in Afrika mit der Besonderheit, dass Rückflüsse nicht an die Geldgeber ausgeschüttet werden, sondern in neue Beteiligungen und in regionale gemeinnützige Projekte fließen.
Das Impact-Investing-Vehikel der Familie Goldbeck
Besonders aufgeschlossen gegenüber Impact Investments ist die Bielefelder Bauunternehmerfamilie Goldbeck, die gemeinsam mit ihrem Family Office im Februar 2023 mit der Aurum Impact Invest GmbH ein auf gesellschaftlichen und ökologischen Nutzen ausgerichtetes Impact-Investing-Vehikel gegründet hat. Investiert wird ausschließlich das Geld der Familie in auf Impacts ausgerichtete Venture Capital Fonds und Start-ups. Der Impact-Fokus liegt auf Circularity & Materials, Climate & Energy, Ecosystems und Geschäftsmodelle, die eine stabile und gerechte Gesellschaft fördern. Ein – gerade für die Bauindustrie interessantes – Investment ist beispielsweise das schwedische Unternehmen Paebbl. Paebbl verfolgt die Mission, den CO₂-Fußabdruck der Zementindustrie zu reduzieren, indem Zement teilweise durch ein nachhaltigeres Material ersetzt wird.
Kelley Luyken, Fund Investor & Impact Lead bei Aurum, teilt mit, dass man Stand Mitte August in 21 Venture Capital Fonds und 16 Start-ups investiert habe. Zu den Anlageergebnissen lässt sich noch wenig sagen. Aber: „Die Follow-on-Finanzierungen bei Start-ups stimmen uns zuversichtlich.“ Klar sind aber die Ambitionen der sechs Aurum-Mitarbeiter: „Unser Ziel ist, uns pro Jahr an vier bis sechs neuen Start-ups und drei bis fünf neuen Fonds zu beteiligen. Mit diesen Investments streben wir nicht nur Impacts, sondern auch marktübliche finanzielle Returns an. Wir sind nicht philanthropisch unterwegs. Sollte das Impact-Potenzial allerdings besonders groß sein, sind wir in Einzelfällen bereit, bei der Rendite Abstriche zu machen“, erklärt Luyken.
Das Angebot an Investoren mit Impact-Ambitionen hat sich nach Einschätzung von Luyken verbessert: „Noch vor fünf Jahren waren einige Investoren unterwegs, für die Impact Investments vor allem ein Tool im Sales sind. Neben diesen Opportunisten gibt es nun auch einige Investoren mit echter Impact-Expertise.“ Auf der Aurum-Homepage werden Co-Investments mit Planet A, Energy Impact Partners, UVC Partners oder Cherry Ventures genannt. „Nach wie vor sind Impact Investments aber noch relativ neu“, so Kelley Luyken. Auch darum ist es für Aurum ein Anliegen, das Impact-Ökosystem zu fördern. Das betrifft beispielsweise den Austausch mit anderen LPs zu Impact-Kriterien, passenden KPIs oder zu Due-Diligence-Themen.
Next Gen – und Now Gen – wollen mehr als Vermögenserhalt
Auch Dr. Johanna Braun sieht Bedarf an mehr Austausch, Information und Wissensvermittlung zu Impact Investments. Sie ist seit drei Jahren externer Senior Impact Advisor des solvia Family Office und baut seit knapp einem Jahr die Impact Boutique Clementine Capital mit auf. „Ein Hemmnis ist die in vielen Family Offices immer noch vorherrschende Annahme, Rendite und Impact ließen sich in einem Investmentansatz nicht verbinden. Hinzu kommt das Vorurteil, das Thema sei noch zu jung und der Markt nur von First Timern geprägt. Auf einzelne Venture-Capital-Fonds mag das zutreffen, aber auf solche mit Fokus auf die Entwicklung der Energieinfrastruktur oder der Kreislaufwirtschaft definitiv nicht“, so Braun. Ursächlich für den ausbaufähigen Wissensstand könnte sein, dass Family Offices traditionell auf Vermögenserhalt fokussiert sind. Doch auch aus Brauns Sicht erweitern sich die Anlageziele in Family Offices zunehmend um die positive Wirkung für Umwelt und Gesellschaft.
Für Impacts eignen sich alle illiquiden Asset-Klassen
Clementine Capital stellt Multi-Manager-Portfolios entlang der Wirkungsziele zusammen, die die Kunden vorgeben. Die Nachfrage danach komme, so Braun, „vor allem von Family Offices, die Wirkung suchen – und zwar ohne Renditeabstriche“. In Frage kommen dafür Manager aus allen illiquiden Asset-Klassen. „Ein bestimmtes Wirkungsziel erfordert keine bestimmte Asset-Klasse. Ob wir Venture, Debt, Infrastruktur oder Growth Equity vorschlagen, hängt vor allem vom bestehenden Portfolio des Investors ab“, erklärt Braun. Für manche Ziele sei dagegen auch eine regionale Ausrichtung durchaus sinnvoll. „Mehrere Familien sehen aktuell eine hohe Dringlichkeit darin, Biodiversität mit passenden Investments zu unterstützen. Dafür kommen insbesondere Asset Manager in Frage, die in Emerging Markets investieren: Dort liegen die artenreichsten Ökosysteme, dort ist der Druck auf sie am größten – und damit die erzielbare Wirkung je investiertem Euro am höchsten.“ Die Ausrichtung auf maximale Wirkung müsse allerdings neben dem Renditeziel auch mit den Zielen in Einklang gebracht werden, das Risiko sowie die steuerliche und rechtliche Komplexität gering zu halten.
Die Kriterien für die Managerselektion klingen eher traditionell. Clementine achtet auf Team und Teamzusammensetzung und darauf, wie die Mitglieder in der Vergangenheit Renditen erzielt und Wirkungskompetenz aufgebaut haben. Auch Anreizstrukturen sind ein Due-Diligence-Thema. Braun: „Wenn der Carry teilweise vom Erreichen bestimmter Impact-Ziele abhängt, sagt das etwas über den Ambitionsgrad aus – ein Qualitätsmerkmal ist es damit aber noch nicht. Glaubwürdigkeit im Impact Investing zeigt sich auch an anderen Punkten. Wir erstellen für jedes Investment eine detaillierte Impact Analyse und berücksichtigen nur GPs mit insgesamt starken Impact Profilen.“ Wichtig ebenfalls: der Blick nach vorn. „Passen Investment- und Impact-These zum Markt? Wir suchen Manager, die künftige Angebotsknappheiten antizipieren, einem Thema also ein Stück voraus sind“, beschreibt Braun. „Denn am Ende muss ein Ansatz kommerziell erfolgreich sein.“ Auch das klingt sehr nach traditionellem Private-Markets-Handbuch.
Das Interesse an Impact Investments ist wie beschrieben offensichtlich – genauso wie der Bedarf an ökologischen und gesellschaftlichen Verbesserungen. Was noch fehlt ist ein ausgereiftes Verständnis und Toolset – und die Überzeugung, dass Impacts keine Abstriche bei der Rendite erfordern.
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